Die deutsche Raumfahrtindustrie im Übergang vom Sinkflug in den Sturzflug

Konzentration, Privatisierung und Europäisierung der deutschen Raumfahrtindustrie

Vor rund 12 Jahren wurden in Absprache mit der damaligen Bundesregierung die großen deutschen Luft- und Raumfahrtfirmen Dornier, ERNO und MBB in der Betei-ligungsgesellschaft (Dasa) des Daimler-Benz-Konzerns zusammengeführt. In den Folgejahren fand ein innerdeutscher Konsolidierungsprozess, dem viele Arbeitsplätze zum Opfer fielen, statt. Im Zuge dieser Maßnahme wurde auch für diesen High-tech-Bereich mit hohem Forschungs- und Entwicklungsanteil der “Share-Holder-Value” mit entsprechenden Ergebnisforderungen für jedes Geschäftsjahr zum Maß aller Dinge erklärt. Zur besseren Kontrolle und zum schnelleren Ergreifen von Korrekturmaßnahmen begann man 1996 mit der Zerschlagung der Dasa in Einzelunternehmen wie DSS, LFK, Eurocopter, wobei Eurocopter gleich als deutsch-französisches Unternehmen gestartet wurde. Bestehende deutsche Exportbeschränkungen beschleunigten
wohl den Europäisierungsprozess. Die deutsche Satellitenfirma DSS sollte ebenfalls europäisiert (ESI = Europäische Satelliten-Industrie) werden, was aber nicht gelang. Vier Jahre später, im April 2000, entstand dann mit der Zusammenführung der Stufen-/ Antriebsaktivitäten und des Infrastrukturgeschäfts (ISS) mit dem Satellitenbereich (DSS) und den Raumfahrtbereichen von  Aerospatiale und Matra Marconi die europäische Raumfahrtfirma ASTRIUM mit Sitz in den Niederlanden und Standorten in  Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien.

Ursachen der Probleme in der deutschen Raumfahrtindustrie

Aufgrund verschiedener Umstände wie

  • Zusammenbruch des Kommunikations-SAT-Geschäfts weltweit (1990 – 1995: 27 SATStarts, 2003 – 2007: 15 SAT-Starts geplant) und damit auch des Trägergeschäfts
  • Auftragsstornierung ohne Abrechnungsmöglichkeit des Entwicklungsaufwandes
  • Abschreibung von Verlusten aus der Beteiligung bei der ARIANE Betreibergesellschaft ARIANE SPACE
  • Probleme beim Nachfolgemodell ARIANE 5
  • Auftragsverzögerungen beim Navigationssystem Galileo wegen Länderstreit Italien/Deutschland um die industrielle Vorherrschaft

wurde schon zum 2. Mal ein negatives Geschäftsergebnis bei ASTRIUM N.V. erzielt. Für 2003 wird ebenfalls kein positives Ergebnis erwartet.

Voraussichtliche strukturelle und wirtschaftliche Folgen

Als Folge der schlechten Geschäftsergebnisse wird der Ruf nach Restrukturie-rungsmaßnahmen, dieses Mal aber europaweit, immer lauter. ASTRIUM soll wieder getrennt werden, und zwar in einen Satellitenbereich (SatCo) und in eine Launcher Infrastruktur Company (LiCo). Es wird zu einem entsprechenden Personalabbau von über 3000 Mitarbeitern europaweit (aktuell 350 MA in Deutschland mit Tendenz nach oben), zur Bildung von Kompetenzzentren und evtl. sogar zur Schließung von Standorten kommen.

Somit steht die europäische aber auch die deutsche Raumfahrt in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs und schwindender Satelliten-Aktivitäten am Scheideweg. Ohne weitere staatliche Aufträge oder Zuschüsse wird sie nicht überleben, da es in allen Bereichen Probleme gibt. Die ESA-Aufträge für wissenschaftliche Satelliten sind in dieser Situation nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Negative Zukunftsperspektiven wegen des fehlenden europäischen und deutschen Engagements

Obwohl auch bei der Raumstation-Beteiligung angesichts der Columbia-Katastrophe erhebliche Verzögerungen und Mehrkosten ins Haus stehen, ist ein entsprechendes europäisches Engagement nicht zu erkennen. In Amerika dagegen wurden sofort zusätzlich 500 Mio. Dollar für das kommende Jahr bereitgestellt, um Neuentwicklungen eines Raumtransporters zu beschleunigen.

In Europa werden vorhandene Mittel zur Fehlerbehebung bei der ARIANE 5 umgewidmet und dafür die Entwicklung leistungsstarker Oberstufen um Jahre verzögert, was sicher nicht die Wettbewerbsfähigkeit verbessert.

Zudem wurden jetzt auch noch, durch einen Mehrheitsbeschluss im Haushaltsausschuss des Bundestages, Kürzungen des nationalen Raumfahrtbudgets gegen den Willen der Forschungsund Bildungsministerin Bulmahn (BMFB) durchgesetzt. Fr. Bulmahn: “Gerade das nationale Raumfahrtprogramm mit einem Volumen von nur 151 Mio. € ist für die deutsche Industrie wichtig, um das Know-how zu erhalten und um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können”.

Die Folgen der Unterfinanzierung für die deutsche Raumfahrtindustrie

  • Heute sind nur noch rund 5.900 Beschäftigte in der Raumfahrt mit stark abnehmender Tendenz in Deutschland beschäftigt.
  • Werden keine ausreichenden deutschen Mittel für die ESA bereitgestellt, wird es keine Aufgaben und somit keine Raumfahrt-Arbeitsplätze mehr in Deutschland geben. Ein besonders sensibler Bereich ist dabei die Forschung, die in andere Länder abzuwandern droht.
  • Das in 50 Jahren erarbeitete Know-how in Deutschland geht unwiederbringlich verloren, wird in anderen Ländern aufgebaut und kann nicht mehr zurückgeholt werden.

Die Forderungen der Arbeitnehmervertretungen für eine mittelfristige Sicherung der Zukunft

  • Kein Fortstehlen der Bundesregierung aus der politischen Verantwortung für diesen Industriezweig durch Privatisierung und Europäisierung
  • Verbesserte politische Rahmenbedingungen und eine wachstumsorientierte verlässliche Forschungspolitik mit einem entsprechend hohen Stellenwert für die Raumfahrt
  • Bereitstellung von zusätzlichen Mitteln, um die ARIANE 5 wieder sicher starten zu können bei gleichzeitiger Weiterentwicklung leistungsstärkerer Oberstufen, um im weltweiten Wettbewerb nicht ins Hintertreffen zu geraten
  • Sicherung eines souveränen, eigenen europäischen Zugangs zum All mit dem europäischen Trägersystem ARIANE 5 durch  Bereitstellung von entsprechenden Mitteln aller europäischer Länder als Kompensation der massiven Stützung der US-Konkurrenz Lockheed Martin (Atlas V) und Boeing (Delta IV) durch Militär- und NASA-Aufträge
  • Festlegung auf eine verlässliche Zukunftsstrategie für eine internationale Zusammenarbeit zur Entwicklung wieder verwendbarer Transportsysteme im All undFreigabe vorhandener Mittel
  • Keine weiteren Verzögerungen mehr durch politische Querelen zwischen Deutschland und Italien zum Führungsanspruch bei Galileo; Europa benötigt ein eigenes Navigationssystem

Verfasser:
Christian Achmüller
Vorsitzender des Betriebsrats der ASTRIUM GmbH – Ottobrunn
Mitglied des WLR
Tel.: 089/607-25777
Fax: 089/607-23889
e-mail: BR-AOT@astrium-space.com

Für weitere Informationen stehen die Sprecher des WLR-Arbeitskreises, Andreas Knoll (Tel. 089-3179-3038; mobil 0171-55 09 378; Fax. 089-3179-2997) und Markus Bräunlein (Tel. 089-89317226; Fax. 089-89317-232), oder der Presse-Sprecher des WLR-Arbeitskreises Dieter Rügemer (Tel. 089-9216-2474; mobil 0172-83 33 868; Fax. 089-9216-2186) zur Verfügung.

Der WLR-Arbeitskreis im Internet: http://www.wlr-ak.de

Der Arbeitskreis der Betriebsräte in Wehrtechnik, Luft- und Raumfahrt ist ein unabhängiger Zusammenschluss von Betriebsräten, die weiteren Arbeitsplatzverlusten in diesen Branchen entgegenwirken wollen. Derzeit gehören Betriebsratsgremien von 55 namhaften deutschen Firmen dem WLR-Arbeitskreis an, so dass die gewählten Vertreter von ca. 60.000 Arbeitnehmern in dieser firmenübergreifenden Initiative zusammenarbeiten.

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