Statement zur Situation Diehl Systemketten

Statement von Luigi Constanzo, Betriebsratsvorsitzender der Firma Diehl Remscheidt zur Pressekonferenz am 09.03.2004 im Presseclub München

Sehr geehrte Damen und Herren der Presse,
sehr geehrte Anwesenden,

zuerst möchte ich mich kurz vorstellen.

Luigi Constanzo, Betriesbratsvorsitzender Diehl Systemketten
Luigi Constanzo, Betriesbratsvorsitzender Diehl Systemketten

Meine Name ist Luigi Costanzo. Ich bin Betriebsratsvorsitzender in einem mittelständischen Unternehmen in Remscheid im Bergischen Land.
Diehl Remscheid ist der weltweit führende Hersteller von Systemketten für Panzer und gepanzerte Fahrzeuge. Mehr als 100 verschiedene Systemketten wurden in Remscheid auf höchstem Qualitätsniveau entwickelt und produziert. Alle Kettenfahrzeuge der Deutschen Bundeswehr sind mit Diehl Systemketten ausgerüstet.

Die Diehl Remscheid GmbH & Co. KG gehört zum Teilkonzern Diehl VA Systeme des Diehl-Konzerns. Durch die mehr als 40-jährige Zusammenarbeit mit den Produzenten von Panzern und gepanzerten Fahrzeugen ist Diehl Remscheid in der Lage, innerhalb kürzester Zeit (ca. 6 Monate) eine neue Systemkette zu entwickeln und herzustellen.

Dieses Know-how fällt nicht einfach vom Himmel, sondern ist ein ständiger täglicher Förderprozess, um die technischen Kernfähigkeiten und Technologien des Unternehmens zu sichern. Diehl Remscheid investiert permanent in die Kernkompetenzen, um die technologische Entwicklung der Produkte und deren Fertigungsprozesse weiter zu forcieren und zu optimieren.
Nur dadurch können die Arbeitsplätze der Mitarbeiter und das Wissen der Leistungsträger dem Unternehmen erhalten werden.

Gerade in den letzten Jahren bedeutete das viel Arbeit für den Betriebsrat. Die Krise der vergangenen beiden Jahre haben wir mit viel Geduld und Verzicht gemeistert.
Aber nicht nur der Betriebsrat muss sich auf andere Zeiten einstellen. Um den Umsatz zu erreichen und die dafür notwendigen Aufträge zu bekommen, müssen sich unsere Geschäftsleitung sowie die Vertriebsmannschaft mächtig ins Zeug legen.

Die Belastung für unsere Belegschaft hat stark zugenommen. Flexibilität und Qualifizierung heißt die Devise. Heute noch Mehrarbeiten und morgen schon mangels Arbeit nach Hause geschickt. Der Markt ist so anspruchsvoll, dass eine gleichmäßige Produktionsauslastung nicht immer möglich ist. Zusätzlich werden die Tätigkeiten aufgrund technischer Neuerungen immer anspruchsvoller.

Hinzu kommt der Personalabbau, der aufgrund dauerhaft sinkender Umsätze nicht zu vermeiden ist. Wir in Remscheid können zurecht stolz auf uns sein. Mit sozialverträglichen Maßnahmen haben wir in den letzen 2 Jahren über 100 Mitarbeiter abgebaut.

Der stetige Personalabbau innerhalb der wehrtechnischen Industrie überträgt eine große Verantwortung auf die Betriebsräte. Immer wieder geht es vorrangig darum, neue Möglichkeiten herauszufiltern, um den Personalstand sanft nach unten zu fahren, die Belegschaft dabei nicht kaputt zu machen, aber andererseits noch wettbewerbsfähig zu bleiben. Ein schwieriger Balanceakt.

Das bedeutet für den Betriebsrat permanentes Engagement in allen Bereichen.

  • Ein Beispiel ist die Sicherung von Arbeitsplätzen durch das Instrument Altersteilzeit. Besonders der Verlust durch den Weggang von jüngeren qualifizierten Fachkräften (z. B. durch einen Sozialplan) müsste entsprechend kompensiert werden. Durch Altersteilzeit bleiben uns die jungen Mitarbeiter erhalten. Durch die rechtzeitige Einarbeitung auf den Arbeitsplatz des Altersteilzeitlers kann das Know-how erhalten werden und der Platz intern wiederbesetzt werden.
  • Besonders wichtig für die Zukunft ist die Ausbildung junger Menschen, nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für den Standort Deutschland. Technologische Entwicklungen und Neuerungen können nur durch Ausbildung und Förderung einer qualifizierten Nachfolgegeneration entstehen. Eine fundierte Ausbildung kommt allen zu Gute. Es ist mittlerweile fast unmöglich einen Arbeitsplatz ohne eine Ausbildung zu bekommen. Wenn man hier nicht am Ball bleibt, sieht die Zukunft schlecht aus. Die Arbeitslosenzahlen würden weiter steigen und wir müssten uns in immer mehr Bereichen Experten aus dem Ausland holen. Investieren in Forschung und Entwicklung darf nicht nur ein Lippenbekenntnis bleiben.

Unsere Kompetenz muss transparent und klar sein – wir müssen als zuverlässige Partner der Bundeswehr gelten! Vorraussetzung dafür ist eine Beteiligung in europäischen Programmen und Wettbewerbsbedingungen für Kooperationen und Direktexport.
Hier ist auch die Regierung gefragt. Wir brauchen ihre Beteiligung, um die Zuverlässigkeit der Geschäfte absichern zu können. Die Einbindung Aller – Kunden, Lieferanten (andere Firmen) und auch wir, als Hersteller – in Entscheidungen ist wichtig!

Die Auswirkungen des Personalabbaus in der wehrtechnischen Industrie sind nicht zu unterschätzen. Die Folgen werden nicht nur Zulieferfirmen spüren, wo wahrscheinlich ebenfalls eine Personalreduktion von Nöten sein wird. Wichtig ist auch der gesamtwirtschaftliche Aspekt, denn noch mehr Arbeitslose können wir in Deutschland wohl kaum gebrauchen.
Man kann nicht eine ganze Branche allmählich einstampfen und sich dann über leere Kassen und kaputte Sozialsysteme beklagen.

DEUTSCHLAND GERECHT ERNEUERN!

Diesen Satz hörte man des öfteren in der Politik. Geplant ist, dass Deutschland bis 2010 wieder an die europäische Spitze in Forschung und Entwicklung stoßen soll.

  • Wir wollen einen führende Rolle auf den Märkten der Zukunft spielen!
  • Wir wollen den Anteil der Forschung und Entwicklungsaufwendungen am Bruttoinlandsprodukt steigern!
  • Wir wollen Spitzenforschung stärker fördern!
  • Was heißt das für die wehrtechnische Industrie?
  • Wie stellen sich die verantwortlichen Politiker die Zukunft der Forschungstechnik und Entwicklung vor?
  • Welche Mittel und wie viel wurden im Haushalt 2004 zur Verfügung gestellt?
  • Wie kann die wehrtechnische Industrie wieder aufblühen, wenn immer weniger Geld zur Verfügung gestellt wird (siehe Haushalt-Konsolidierung)?

Die meisten Einsparungen finden laut Haushalt-Konsolidierung genau dort statt, wo Deutschland 59 Jahre lang seine Sicherung fand. Und auf wessen Kosten geht das? Auf Kosten der Menschen, die jahrelang in der Wehrtechnik gearbeitet haben, deren Geld ins Sozialsystem geflossen ist, die ihren Verdienst im Handel ausgegeben haben usw. Ich denke, ich muss nicht weiter fortfahren.

Für Diehl Remscheid stellt sich ganz konkret die Frage:
Wie lange sind wir noch die Nr. 1 unter den Herstellern der Systemketten für Panzer und gepanzerte Fahrzeuge?
Nun, wenn es so weiter geht wohl nicht mehr lang! Unbestritten, sind wir noch weltführend, aber wenn unsere Kernkompetenzen gefährdet sind, folgt ein tiefer Fall.

75 % unseres Umsatzes machten wir in der Vergangenheit mit der Bundeswehr. Die restlichen 25 % kamen aus dem Ausland. Ich spreche hier nicht etwa von 1980; nein, das ist keine 5 Jahre her. Heute sind lediglich 25 % unserer Aufträge von der Bundeswehr. Den Rest versuchen wir über das Exportgeschäft zu kompensieren. Da das Auslandsgeschäft jedoch schwierig und voller Launen ist, gelang es uns nur zum Teil den Wegbruch der Bundeswehrumsätze aufzufangen. Der Umsatz reduzierte sich von 2001 bis zum Jahr 2003 um 38%, wobei dies vorerst als Tiefpunkt angesehen wird.

Ich möchte gar nicht daran denken, wie die Zukunft aussieht, wenn wir unsere Geschäfte komplett über den Export abwickeln müssen; wenn wir uns nicht einmal mehr auf die 25% von der Bundeswehr verlassen können.

Dieses Problem gibt es nicht nur in Remscheid, sondern in der gesamten wehrtechnischen Industrie. Wir brauchen die Referenzen der Bundeswehr, um im Exportgeschäft bestehen zu können. Und vor allem brauchen wir dringend erleichterte Exportausfuhr-genehmigungen. Bestes Beispiel ist die Türkei. Sie ist NATO-Mitglied und vielleicht auch bald EU-Mitglied, aber Panzerlieferungen aus Deutschland sind nicht erlaubt. Auch wenn in der Politik heute vieles liberaler gehandhabt wird als früher, daran muss noch gearbeitet werden.

Abschließend ergibt sich nur eine logische Konsequenz. Verantwortlich für die Ausrichtung neuer Aufgaben sind weder die Industrie und schon gar nicht die Menschen, die seit Jahren in der wehrtechnischen Industrie beschäftigt sind; vielmehr obliegt diese Verantwortung der Politik.
Wir brauchen keine politischen kernigen Statements, die uns allein sowieso nicht weiterbringen. Was wir brauchen, ist die Unterstützung aus allen Parteien und nicht schöne Worte in medientaugliche Sätze verpackt.
Fakt ist, dass die deutsche Verteidigungsindustrie in den 90er Jahren in vielen Branchen auf Mindestfähigkeiten geschrumpft ist. Dadurch wird die nationale und die standortnotwendige Kernfähigkeit in Frage gestellt.

Derzeit ist unklar, ob es gelingen wird, die wirtschaftlichen Vorraussetzungen für einen langfristigen Erhalt zu schaffen.

Ich hoffe, ich hoffe wirklich, dass Remscheid und alle Standorte in Deutschland eine Zukunft haben und wir Deutschland wirklich gerecht erneuern!

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Remscheid, den 08.03.2004

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